memory lane


da steht er vor mir und grinst mich mit seinem schiefen schälmischen grinsen an. genau so, wie er’s schon vor fünf jahren getan hat.
nur damals hatte er noch ein zungenpiercing und liebte es, mir dieses demonstrativ entgegen zu strecken. insbesondere dann, wenn ich wieder einmal beim kroko-sauf-spielchen verloren hatte und die kleinen schnäpse trinken musste. nachts in der männer-wg. oder bei den goa-partys, auf denen unsere firma eigentlich gearbeitet hat. doch das betraf nur die wenigsten und so hatten alle mitarbeiter einfach nur spaß.
jetzt trägt er einen ehering. noch ganz glatt und neu funkelt er stolz vom finger. glücklich sieht er aus und erzählt begeistert, dass der nachwuchs auch schon unterwegs ist. eine woche vor der hochzeit hatten sie es erfahren. “jetzt fehlt nur noch das haus und der baum”. nach dem jähen ende unseres gemeinsamen arbeitgebers hat er jetzt wieder einen job gefunden, in dem er aufblüht. und dabei ganz cool, locker und einfach nur unheimlich gut aussieht. mit seinem schiefen schälmischen grinsen.

UPDATE 07.06.:

Weil mir gerade wieder das den Text unten wunderbar ackompagnierende Posting der Kaltmamsell in den Kopf kam, hier der Link dazu: Von den Ekligkeiten des Dickseins.

Klar hat man sich als Durchschnittsfeministin spätestens ab der Pubertät gegen die Zwänge der gesellschaftlichen Schönheitsideale gewehrt. Hat Models „Hungerhaken“ genannt und die Bigotterie von Frauenzeitschriften angeprangert, die einerseits behaupten, die weibliche Selbstbestimmung zu unterstützen, andererseits jede Saison mit neuer Sinneskasteiung per Diät eröffnen.

Aber lassen Sie sich sagen: Einen Frauenkörper der Konfektionsgröße 48 zu haben, steckt ganz abseits jeglicher Ideologie rundum voll ekliger, widerlicher physischer Details. –>

Die Frau hat Kaliber - Hut ab! Oder um im heute nicht unüblichen Rezensionssprech zu schreiben: Mutig, packend und präzise erzählt die Kaltmamsell von einem geradezu existenziellen Konflikt zwischen Ideal und Wirklichkeit. Ihr gelingen dabei bewegende und nicht selten von absurder Komik geprägte Bilder, die einen tief berühren und noch lange nachwirken.

Als wir damals mit dem Opel Caravan nach Freiburg gestartet waren, hätte ich nie gedacht, daß ich mir die nächsten sieben Tage so viel über Farbe, Form und Geschmack von Kondomen würde anhören müssen. Damals, das war im November 1995, und die Eltern meiner besten Freundin hatten uns Führerscheinfrischlingen für eine Woche ihr Auto geliehen.

Wir wollten noch einmal in die Stadt fahren, in der wir ein Jahr zuvor auf Klassenfahrt waren. Die meisten von uns lernten auf diesem Trip zum ersten Mal die Tradition des in Deutschland neu auf dem Konsummarkt befindlichen Halloween-Feierns kennen, lotste unser damaliger Klassenlehrer die seit der Ankunft im beschaulichen Freiburg zur Hälfte verschnupfte Klasse doch ohne zu zögern in einen irischen Pub, um unsere beginnenden Erkältungen mit Tee mit Rum im Zaum zu halten.

Weil die Tage damals mit nervtötenden Sightseeing-Touren ohn’ End ausgebucht waren, mieteten die Freundin und ich uns ein Jahr später im Gästezimmer eines älteren Ehepaares ein. Wir wollten die Stadt im Breisgau noch einmal auf eigene Faust und ohne Kultur-Streß erkunden. Einen Abstecher nach Colmar machen. Und in den Genuß kommen, nicht schon um halbacht Uhr morgens schlaftrunken, mit einem königlichen Tequilla-Schädel und der Erinnerung an ein grausiges, großes, ungelenkes Stück Fremdfleisch im Mund zum Jugendherbergsfrühstück torkeln zu müssen (Mein erster Zungenkuß, wie ich im nachhinein konstatieren darf. Und bei weitem das unübertroffenste Trauerspiel in diesem Feld, das ich je erlebt habe. Man stelle sich vor: das war, auch ganz generell, mein erster Kuß!).

Langer Rede kurzer Sinn: meine Reisebegleiterin hatte kurz vor unserer Herbstferien-Reise einen Typen kennengelernt. Mit 18! Weil: So kurz vor’m Abi, den Führerschein in der Tasche und als Leistungskurs die Biologie anvisierend - da fehlte noch ein Mann zum vollkommenen Glück! Dieser Glücksmann hieß Benni, rauchte (!), war fünf Zentimeter kleiner als seine Lady und arbeitete als Automechaniker. In seiner Freizeit traf er sich mit Freunden am Kö, ging Billiard spielen oder fuhr mit seinem Motorrad Geländeralleys.

Abgesehen davon, daß sich die Eltern meiner Freundin über die Torschlußpanik und folglich ungeschickte Partnerwahl ihrer Tochter entsetzten und zudem besorgt um unsere Freundschaft zeigten, hielt sich auch der Jubel des restlichen Freundeskreises in Grenzen. Doch das Töchterlein nahm’s gelassen - und sorgte sich in Freiburg um nichts anderes, als 24 verschiedene Kondome aufzutreiben, die sie dem Liebsten in den selbstgebastelten Adventskalender würde packen können.

Nach zwei durchquatschten Tagen und Nächten ging mir ihr Geschwärme ob Bennis Einstellung zum Leben, zur Politik und was weiß ich gehörig auf den nicht vorhandenen Sack. Erschwerend kam hinzu, daß die Liebestolle nicht umhin kam, nach jedem dritten Satz eine Bemerkung über Bennis Liebhaberqualitäten fallen zu lassen. Oh, wenn nur ihre Mutter davon gewußt hätte! Sie hätte ihr den Kopf abgerissen!

Noch längerer Rede kurzer Sinn: Auf dem Weg zum Saturn lief mir heute wer über den Weg? Genau, die einst beste Freundin! Zu der sich der Kontakt kurz nach dem Abi wegen zu verschiedener Interessen verloren hatte.

Hey, Du bist’s, ja wie schön, Dich zu sehen!
Wie schön, Dich zu sehen! Wie geht’s Dir?
Gut, danke!
Hast Du Dein Studium abgeschlossen?
Ja, bin grad dabei. Hatte eine Zeit lang mehr gearbeitet als studiert… und dann ja das Fach gewechselt…
Ah, jetzt machst Du’s doch noch…
Ja, schon. Und Du, wie sieht’s bei Dir aus?
Oh, ich bin schon seit zwei Jahren fertig.
Ja super! Und, was machst Du jetzt?
Hmm… also… ich hab mir ja dann echt schwer getan, was zu finden… Ich bin zuhause.
Oh, das tut mir Leid… was hast Du nochmal studiert?
Literaturwissenschaft, Mittelalter-Deutsch und Kunstgeschichte.
Aha… hmmm… so… ok… und jetzt, so zuhause… bist Du als Mama zuhause?
Äh, also eigentlich nicht, nein. Wir haben keine Kinder. Aber der Michael verdient ja genug… der ist ja noch bei der Bank…
Ah… ja… aha… Und wohin bist Du jetzt unterwegs?
Zu ‘nem Stammtisch.
Einem Stammtisch? Cool! Was für ein Stammtisch denn?
Ähm… das ist… also… das ist ein Adipositas-Stammtisch…
Ah, ok. Na… dann mach’s mal gut! War nett, Dich wieder zu sehen… und… ähm… ich glaub’, ich meld’ mich mal bei Dir!

Studium durchgezogen, vor zwei Jahren abgeschlossen und seither keinen Job?? Nicht arbeiten gehen, weil der Mann genügend verdient? Deshalb zuhause sitzen und - darf ich das hier bitte genau so schreiben - fett werden, weil sie nichts zu tun hat? Alter Schwede, so ein Lebens-Konzept war mir ja schon ganz lange nicht mehr untergekommen! Wenn sie ihr Hausfrauentum bitte sehr so ausfüllt, daß es selbst gemachte Marmeladen gibt… Eingemachtes… täglich gekocht wird… dann ja, dann ist Hausfrau-Sein schon ok… Aber hey, sie hat null Kinder! Null, nada, nix, zilch, niente, mafeesh, muffat, nothing, rien! Wie kann sie da Hausfrau sein?

Immerhin scheint sie kein verlorener Fall zu sein, da sie außerpartnerschaftlichen Kontakt bei einem Stammtisch sucht. Aber wie gut ist es, sich als Adipostias-Stammtisch in einer Kneipe zu treffen, die berühmt für die besten Kässpatzen der Stadt ist?

Oh hätte sie doch nur ihre Kondom-Expertise ausgebaut… wäre sie der heute unumgänglichen Verpflichtung eines jeden Magister-Studenten nachgegangen, ein Praktikum abzuleisten… und sei’s bei Bravo, mit Verlaub… Denn das Mädel hat was zu erzählen gehabt, bevor sie ihren Chipstüten huldigenden Star-Wars-Freak kennengelernt hat… sie sich regelmäßig jedes Wochenende mit einem Einkaufswagen voll Süß- und Salzkrams eindeckten… und nach dem Zusammenziehen damit begannen, an den Wänden ihres mit Kinosesseln ausgestatteten Film-Zimmers (mit unter der Sitzfläche montierten Baßlautsprechern) Regale für ihre Ü-Ei- und Star-Wars-Figuren-Sammlung aufzuhängen.

Bis heute würde ich Farbe, Form und Geschmack ihrer Einrichtung in Frage stellen. Das Hausfrauentrauerspiel miteingeschlossen. Jedoch dies alles: ganz ohne Torschlußpanik.

So sicher bin ich mir nicht mehr, wie ich auf die Webseite der Nacktphotographin gekommen war. Es mußte irgendwie damit zusammenhängen, daß ich an einem kühlen, regnerischen Samstag mit der Mutter aller hangovers und dem Vater aller Kater aufgewacht war und nun auf dem Sofa durch die Werbesendungen und Wurfzeitungen ging, die jeweils am Wochenende unseren Briefkasten verstopfen. Letztere sind ein wahres Kontaktanzeigen-Paradies, in dem ich immer wieder gerne über die Exotik und Kreativität der Damennamen oder Dienstleistungen staune.

Die Kontaktanzeigenseite hat jedoch auch mit regulären Werbeanzeigen aufzuwarten. Und in genau diesem Bereich war mir ein Satz aufgefallen, der schwangere Frauen dazu einladen sollte, ihren Mann mit der besonderen Aktphotographie zu beglücken. Wie hätte es anders sein können, als daß ich als alter Hase im Recherchegeschäft mich im Nu auf der angegebenen Webseite befand und mich - voyeristisch, wie wir alle veranlagt sind - durch die Galerie der Photographin klickte!

Abgesehen davon, daß die Bilder handwerklich wirklich sehr ansprechend waren, weiß ich jetzt im nachhinein, daß mich auch noch eine andere Motivation als der Konsum photographischer Kunst trieb, mir möglichst alle der zahlreichen Aufnahmen anzusehen. Bei dem Photostudio handelte es sich nämlich um ein in der Nähe gelegenes, so daß es doch kein Zufall sein könnte, fände ich in der Galerie der schwarzen Handschuhe, transparenten Stolas und spitzenbesetzten Still-BHs ein auch mir bekanntes Gesicht.

Und tatsächlich! Schon nach wenigen Minuten tauchte der Umriß einer jungen Frau auf, die - ja unglaublich! Die mit mir zusammen Abitur gemacht hatte! Schwer von ihrem erstklassigen Babybauch nach unten gezogen, kniete sie auf allen vieren und blickte mit ihren unverwechselbaren Eskimoaugen in die Kamera.

Von soviel exklusiver Intimität überwältigt, dachte ich an diesem tristen Samstagvormittag noch lange darüber nach, wie die stille, schüchterne, keramiktöpfernde Jungmutti eigentlich zu diesem Mordsdrum Bauch gekommen war. Die mit drei Geschwistern aufgewachsen war. Die nach dem Abi in einem Blumenladen jobbte, um schließlich europäische Kulturgeschichte zu studieren. Ob sie ihr Studium abgeschlossen hat?

Monate später kam mir zu Ohren, daß sie während ihrer Unizeit einen Engländer kennengelernt hätte, der mit ihr mittlerweile stolzer Papa zweier Kinder sei. So schnell kann’s gehen!

Ob sie noch zum Töpfern kommt? Ob sie noch Zeit hat zu malen, zu schneidern, zu basteln? Und ob er sich im Paradies befand, nachdem er die exotischen kreativen Photos zu Gesicht bekommen hatte?

Ain’t she sweet, that sweet thing? Ha! Und ihre große Liebe zu Bohrmaschinen!

Mittlerweile kann sie übrigens sogar kochen. Meine kleine Schwester.

früher hielt vor dem lagertor in düsseldorf zur mittagszeit ein eiswagen. mit großem klingelingeling kündigte er sich schon beim abbiegen ins industriegebiet an. wenn wir mitarbeiter im büro ohne klimaanlage durchgeschwitzt waren und vor lauter arbeit nichts mehr sahen, überraschte uns der chef. ein väterlicher typ: riesig groß, grauer vollbart, leger gekleidet, strenger blick. den hatte er nur dann nicht, wenn er uns leckeres eis vom eismann mitbrachte. dann strahlte er und bedankte sich, dass wir so fleißige bienchen waren.

mein chef hier in köln ist weniger väterlich. dafür stellt er uns - ganz ohne klingelingeling - nach langen tagen ein eiskaltes reissdorf-kölsch auf den schreibtisch und wünscht uns einen schönen feierabend.


Bild dankend von hier.

Ihr könnt heute leider nicht rausgehen zum Spielen, ihr müßt heute drinnen bleiben, hatten sie uns damals gesagt. Wir standen ungläubig am Fenster und starrten nachdenklich in den grauen Regenhimmel. Die Wolken sahen eigentlich aus wie immer, groß und dunkel, zogen mal schneller, mal langsamer den wechselhaften Aprilhimmel entlang. Was sollte das sein, womit sie angeblich prall gefüllt waren, was war das, was man weder sehen, hören noch riechen konnte, das angeblich durch die Regenfälle in rauen Mengen auf uns runterregnen sollte?

In den nächsten Tagen änderte sich nichts am Spielverbot im Garten. Wir hatten im Kinderzimmer zu bleiben; keine gute Idee mit vier quirligen Kleinkindern. Was sich jedoch änderte, war, daß es morgens plötzlich keine Milch mehr zu trinken gab. Stattdessen wurden unsere Tassen mit einer heißen, dicklichen Flüssigkeit gefüllt. Milchersatz, erklärten unsere Eltern. Weil es in einem unserer Nachbarländer ein Unglück gegeben hätte, bei dem giftige Stoffe in den Himmel ausgestoßen worden seien, die es während der Aprilschauer auf die Wiesen heruntergeregnet hätte. Und so hätten die grasfressenden Kühe diese Stoffe gefressen, so seien sie in die Milch gelangt, die wir deshalb nicht mehr trinken könnten.

Wenn unsere Eltern morgens in Eile waren, hatten sie oft nicht genügend Zeit, das seltsam weißliche Pulver sorgfältig genug im heißen Wasser aufzukochen und zu verrühren. Unsere Ersatzmilch bestand dann aus vielen kleinen breiigen Klumpen, die wir nur mit Mühe die Kehle runterwürgten. Eklig war das.

Monate später sollte Deutschland einen der schönsten Sommer bekommen. Die Bäume und Sträucher hatten im Frühjahr prächtig geblüht, und ab Juni, Juli reiften die prallsten Früchte heran. Wir Kinder durften wieder draußen spielen. Aber unsere Freude wurde dadurch getrübt, daß wir unsere gelegentlichen Hungerattacken nicht mehr mit dem Griff zu Beeren, Birnen oder Äpfeln besänftigen durften. Bei dem Wahnsinnsertrag, der uns in allen Farben entgegenhing!

Ich erinnere mich daran, daß ich eines nachmittags im August einen Grundschulfreund zu Besuch hatte. Eines unserer Lieblingsspiele war, daß wir als Hasen durch den großen Garten hüpften, uns unter Rhabarberblättern versteckten oder wild durch Johannisbeersträucher rannten. Und bei den Johannisbeersträuchern passierte es dann auch: die Beeren waren so verlockend, daß ich dem Eßverbot unserer Eltern zum Trotz eine Hand voll in den Mund nahm. Mmhhh, waren die lecker!

Trotzdem hatte ich ein mulmiges Gefühl im Magen. Was würde passieren, wenn die Beeren in meinem Bauch ankommen würden? Würde mir dann schwindlig werden? Würde ich blind werden? Oder sterben? Ich wartete ein paar Minuten, doch nichts passierte. Und so stopfte ich mir munter noch mehr Früchte in den Mund.

Das schlechte Gewissen, das ich damals eine Zeit lang rumgetragen hatte, weil ich auch meinen Kumpel Alex dazu gebracht hatte, von den Johannisbeeren zu essen, verflog bald. Weder ihm noch mir wuchsen ein drittes Ohr oder ein elfter Zeh.

Das Gute an Tschernobyl vor 20 Jahren war auch, daß wir trotz einer sagenhaften Pilzschwemme im Oktober keinen einzigen essen mußten wie sonst jedes Jahr zuvor. Diese glibschigen Dinger. Nur weil unsere Mutter so eine große Pilzfreundin war.

Ob sie sich damals eigentlich auch einen Moment lang mal nicht an das Sachen-aus-dem-Freien-Eß-Verbot gehalten hat und sich heimlich eine riesige Pilzschlemmerpfanne gemacht hat?

Brüderchen und Schwesterchen


ca. 1979


ca. 2002

Weil sie so anders gewesen sei als er, damals… so viel Energie ausgestrahlt hätte… ganz im Gegensatz zu ihm… und er im nachhinein auch nicht wüßte, was sie sich eigentlich gegeben hätten, damals, als wir alle nur für the one and only Firma gelebt haben…

Als ich erwähne, daß sie bis heute felsenfest darauf bestehe, er hätte ihr das Photographieren beigebracht, kichert er verlegen und nimmt einen Schluck von seinem Hefeweizen. Ich schaue in fragend an, während er zu erzählen beginnt, daß sie sich halt öfters oben auf der Dachterrasse getroffen hätten… er ihre Kippen geschnorrt und sie so die Zeit totgeschlagen hätten… Er rauche eigentlich gar nicht… und das, was da oben auf der Dachterrasse passiert sei, wäre auf der Dachterrasse geblieben…

Meine Güte, denke ich mir, er hat ihre Kippen geschnorrt? Wie alt war sie denn damals? Wenn’s hochkommt sechzehn, siebzehn? Und er… er war damals 33, 34?

Das mit dem Photographieren, kichert er weiter, nö, also ich bin gar kein Photograph, sagt er… und ich verschlucke mich an meinem Bier und frage, was? Du bist gar kein Photograph? Aber Du hast doch ständig… ja, sagt er, das waren halt so Gelegenheitsjobs… Mal hier hin, mal dort hin, Bilder knipsen… Die Aufträge kamen so zwischendurch immer mal wieder von D******… aber ein Photograph, nö, bin ich keiner… Ich mein, Photograph… was ist das schon…

Beiläufig erwähnt er, das er von D****** schon erwartet hätte, daß sie sich noch mal melden würde bei ihm… nachdem die Firma aufgelöst worden war… Denn schließlich sei er es gewesen, der die damalige Inzwischenzeit zwischen ihr und ihrem damaligen Partner hautnah mitbekommen hätte… er ihr sozusagen… beigestanden hätte…

Die D******, sagt er später, weißt Du, so oberflächlich und abgedreht sie auch ist, so tief kann sie dennoch sein… wenn man mal ihr Vertrauen gewonnen hat… und man so richtig offen mit ihr reden kann… Ich muß grinsen, weil bisher noch jeder Ex-Arbeitskollege unsere alte Chefin als abgedreht und verspult beschrieben hat… Und weil ich mich erinnere, mit welcher Intensität und Tiefe sie mich seinerzeit mit einem Geldkassettendiebstahl in Verbindung bringen wollte… weil ich als CVD am Samstag der einzige war, der sich zum fraglichen Zeitpunkt in den Firmenräumen aufhielt… dachte sie… in ihrer Abgedrehtheit… Daß wir aber noch viel verspultere Leute im Team hatten, das muß sie in diesem Moment vergessen haben… Leute, die vermeintliche fleißige Samstagarbeitsbienchen waren und bis spät nachmittags im Büro saßen, nur um nach vermeintlich getaner Arbeit den Firmenwagen für’s Wochenende einzukassieren…

Immer ein Grinsegesicht aufgesetzt, fährt er fort, egal, wie es ihr ging… die, von der er damals Zigaretten geschnorrt hätte… Und: Wenn ich an Euch beide denke, sagt er, dann habe ich immer ein Paradies vor Augen… ein Märchen… einen Traum… Ihr seid so natürlich… so ursprünglich… so warm und offen… wie man es sich eben vorstellt, das Paradies…

Er nippt so nachdenklich an seinem Weizen, daß er gar nicht mitbekommt, wie sein Büro-Vermieter, Besitzer eines kleinen Plattenladens, mit Kollegen am Tisch gegenüber sitzt und geifernde Grimassen schneidet.

Die E-Heldin hat ja anläßlich des vierteljahrhundertsten Geburtstages meines kleinen Bruders schon ein paar Jubilarzeilen verfaßt. Und auch ich möchte dem Popsel Turbonelle gratulieren. Mit der Re-Publikation eines Interviews aus dem Jahre 2001, das er seinerzeit dem lokalen Online-Portal gegeben hat:

*Wohin DJ-Asonic?*
————————————————————————
*DJ Toby aka DJ ASONIC, der Resident DJ im Mo`Town Club*

Samstags bringt er als DJ Toby im Mo`Town Club sein Venyl zum Kreisen, ausserhalb seiner Residence bringt er als DJ Asonic die Party-Stimmung zum Kochen: SiSA-Redakteurin Jenny Burmeister fragte nach.

SiSA: “Toby ist ja dein normaler Vorname. Hattest du schon mal einen DJ-Namen?”

DJ Toby: “Vor circa zwei Jahren war ich auf einem Special Event gebucht, das war “Chillennium 2000″ im Bismarckviertel, und die haben einen DJ-Namen benötigt. DJ Toby war nicht exclusiv genug, also haben wir uns einen anderen überlegt: DJ ASONIC.”

SiSA: “Und den Namen hast Du jetzt auch noch?”

DJ Toby: “Den hab ich auch noch, aber den trag ich “Mo’town”- intern z.B. nicht. Das hat den Grund, dass ich den Samstag von meinem Vorgänger DJ ToBe übernommen habe und mich dann selber auch DJ Toby genannt habe, allerdings anders geschrieben. DJ Toby für Partymusik und Querbeet. Für andere Events haben wir uns einen exclusiveren Namen überlegt, eben DJ ASONIC.”

SiSA: “Du bist ein guter House-DJ. Warum spezialisierst du dich nicht?”

DJ Toby: “Ich habe im Mo’town angefangen und da läuft Partymusik Querbeet und auch ein bißchen House undl Vocal House. Ich hatte bis jetzt nicht so viele Gelegenheiten in ´nem Club aufzulegen, wo nur Vocal House läuft.”

SiSA: “Du warst früher Resident DJ im Pleasure Dome. Welche Location würde dich in Auxburg oder in einer anderen Stadt reizen, z.B. München?”

DJ Toby: “Im Pleasure Dome wurde der Partysound am Samstag vorübergehend abgeschafft und vieles andere an Musik ausprobiert. Jetzt versuchen sie es wieder mit Partymusik, mal sehen, vielleicht bin ich dann wieder dabei. Ansonsten würde es mich reizen, im Ostwerk aufzulegen. Und in München im Ultraschall oder im KW, wenn sich eine Gelegenheit bieten würde.”

SiSA: “Du bist ein äußerst gutaussehender Typ. Bist du noch zu haben?”

DJ Toby (lacht): “Nein, ich hab ´ne Freundin.”

SiSA: “Wie gehst du dann mit Frauen um, die zu dir kommen, wenn du auflegst, sich ein Lied wünschen und vielleicht flirten wollen? Flirtest Du gern und was sagt deine Freundin dazu?”

DJ Toby. “Ne, ich seh die Mädels und Jungs als Partygäste, die da sind, um Musik zu hören und Spaß zu haben. Ich nehme ihre Wünsche entgegen und erfülle sie, wenn ich kann.”

SiSA: “Und wenn jetzt ´ne hübsche Frau kommt und mit dir Kaffee trinken gehen will, sagst du ihr, dass du ´ne Freundin hast und lehnst ab?”

DJ Toby: “Genau, so ist es.”

SiSA: “Sehr lobenswert.Wenn du auflegst, ist das Arbeit für dich oder Party?”

DJ Toby: “Es kommt immer drauf an, wo man auflegt. Im Mo’town ist es schon vorgekommen, dass das hin und wieder eine kleine Privatparty zwischen den DJ`s wird, sollte aber nicht zur Gewohnheit werden.”

SiSA: “Ist es denn schon mal vorgekommen, dass du so lustig gefeiert hast, dass du deine Platten nicht mehr auseinanderhalten konntest?”

DJ Toby. “Dazu kam es schon mal fast. Ich hab aber rechtzeitig jemandem Bescheid gesagt, dass er übernehmen soll. Natürlich gab´s auch vom Chef eins auf den Deckel. Man sollte möglichst immer noch nüchterner sein, als die Gäste, die schon länger da sind.”

SiSA: “Auf dem No Limits wird es ein DJ Duell zwischen DJ Alex Wohlrab und DJ Glatze Rainer geben. Mit wem würdest du dich gerne mal musikalisch duellieren oder bist du mehr der friedliebende “Plattenstreichler”?”

DJ Toby: “Ich hab schon mit Alex Wohlrab auf dem Marktfest in Stadtbergen aufgelegt, aber da haben wir uns eher ergänzt, als duelliert. Ping Pong-Auflegen tu ich eh die ganze Zeit mit DJ Enrico, das ergibt sich ganz spontan. Wenn ich jetzt von einem großen DJ ´ne Einladung zum DJ Battle kriegen würde, würd ich das natürlich schon machen. Warum nicht.”

SiSA: “Legst du eher Platten auf oder CD`s?”

DJ Toby: “Beides, aber zu 80% CD`s.”

SiSA: “Und wieviel ist das in Koffern, die du dann mit dir rumträgst?”

DJ Toby: “Drei.”

SiSA: “Ein kleines Schlagwortspielchen:-DJ Meeting-”

DJ Toby: “War ´ne super Party - viele Leute kennengelernt.”

SiSA: “-Stahllocke-”

DJ Toby: “Ich sag nur Chillennium 2000. Das kommt daher, dass meine Haarpracht möglichst den ganzen Abend halten sollte. Deshalb hat sie dann auch gehalten und die anderen meinten, das sähe aus wie Stahlbeton. Daher der Name.”

SiSA: “-Polizeikontrolle-”

DJ Toby: “Mit 0,1 Promille weggekommen. Trotz frisch getrunkenem Wodka Red Bull und “blöd angestellt haben”.”

SiSA: “-Absolut Wodka-”

DJ Toby: “Zusammen mit Red Bull sehr empfehlenswert, um am nächsten
Morgen keinen Kater zu haben.”

SiSA: “-Traumfrau-”

DJ Toby: “Hab ich schon.”

SiSA: “-Interviews-”

DJ Toby: “Mach ich nicht oft, aber gerne, wenn die Interviewerinnen nett
sind, so wie die von SiSA.”

SiSA: “Vielen Dank für das Gespräch!”

die zeit vergeht so schnell. das merkt man immer daran, wenn man entweder in kindheitserinnerungen schwelgt, selbst geburtstag hat oder seinen geschwistern gratuliert.

25 jahre alt ist unser bruder heut geworden!!! ein viertel-jahrhundert!!! und wenn ich - seine kleine schwester - dann so zurück schau, auf das, was ich mit ihm erlebt hab, komm ich aus dem kichern nicht mehr raus:
wir waren zusammen auf der tanzschule. während ich (15 J.) noch immer im silber-tanzkurs mit meinem aller-ersten freund ernsthafte standardtänze eintrainierte, stand dj toby (17 J.) längst schon zur samstagparty hinter den cdplayern des tanzsaals und mixte noch recht unprofessionell und nur bis mitternacht begrenzt house- und hiphop-scheiben. um zu dieser fete zu gelangen, schlich ich mich übrigens regelmäßig ohne einverständnis meiner eltern aus dem haus… ich konnte doch die geile party mit meinem bruder nicht verpassen, dem ich so gern die cd-koffer hinterher trug!
später dann erlebte ich seinen ersten abend im motown; mittlerweile schon umbenannt in dj a-sonic (und ja, eric, wir hatten uns irgendwas bei diesem namen “kein ton” gedacht) wurde er dort der donnerstags-resident! mittlerweile hat er sich im motown hochgeschlafen und und schmeißt den laden praktisch allein nach erfolgreicher ausbildung als cvd profiliert - jetzt darf und muss auch jeder seinen richtigen namen kennen. wir geschwister sind stolze besitzer von vip-karten und mein besuch in augsburg “verpflichtet” regelmäßig zu einem besuch im motown - denn woanders ist mein toller bruder nur selten anzutreffen.

tobonelle, herzlichen glückwunsch!


Alte Nachbarn


Alte Nachbarn


Dorfjugend-Poesie

Damals in den guten alten Tagen von IBM und Uniblab brauchte man, um ein gutes Photo von einem Computer machen zu können, ein Weitwinkelobjektiv und eine Frau im Minirock.

James Lileks hat hier noch mehr Computer-Photos, die in den 60ern und 70ern als Werbematerial an die Tageszeitungen versandt worden sind.

Tankstellenkids an einem lauen Sommerabend sind großartig. Einmal an sie mit einer Frage herangetreten, reagieren sie auf Dich wild gestikulierend und den immer gleichen Satz wiederholend: Ich weiß alles, komm zu mir, mich kannst Du alles fragen. Daß sie dabei ihre Jacke aufreißen, sollte nicht weiter stören, ihre Offenherzigkeit ist nicht zu verwechseln mit ihrer Offenheit und ihrer tatsächlichen Fähigkeit, alles zu wissen.

Habt Ihr hier zufällig einen Typen vorbeilaufen sehen, der ein Zelt, einen Rucksack und eine gelbe Jacke trug?, frag’ ich sie. Und sie grinsen mich schief an, den halben Burger im Mund, den ersten Bartwuchs mit Ketchup & Majo verschmiert.
Jaja, rufen sie, den haben wir gesehen, und ich frage mich irritiert, warum sie das bereits sagen, nachdem ich nur das Wort Zelt erwähnt habe.
Der kam vor fünfzehn Minuten hier vorbei, quatschen sie munter weiter, und ich bedanke mich und denke: wehe, ihr kleinen Wichser, wehe, ihr habt mich verarscht.

Während ich anfange zu rennen, rufen sie mir Lauf, Lola, lauf! hinterher. Und ich überlege mir Schimpfworte, mit denen ich sie auf meinem Rückweg überfallen werde, Schimpfworte, weil sie mir eine falsche Auskunft gegeben haben. Und ich denke darüber nach, wie ich sie zu einer ehrlichen Antwort hätte zwingen können. Etwa indem ich sie gefragt hätte, auf welcher Straßenseite er lief… But. Nur ein paar Minuten, nachdem ich losgelaufen war, seh’ ich ihn tatsächlich: den Typen mit dem Zelt, dem Rucksack und der gelben Jacke. Tschisäß, denke ich mir, vielen herzlichen Dank. Und wow. Ich hole mir das, was ich wollte und was ich vergaß. Dazu passend die rationale und die irrationale Erklärung: als erstere Palmström & sein rotes Taschentuch, die zweite wird gleich zu erwähnen sein.

Ihr Prinzen, nehme ich mir vor zu sagen, Ihr seid die Größten. Danke für Eure Hilfe - warum ich da so schnell hinterher mußte? Nun, ich habe meine Sehnsucht bei ihm vergessen und mußte sie wieder finden und mir wieder holen. Danke Euch.

Doch als ich wieder an die Tankstelle zurückkomme, sind sie verschwunden. Von den Tankstellenkids weit und breit keine Spur zu sehen. Schade, denke ich mir, schade, ihr Süßen. Aber vielleicht hättet Ihr es sowieso nicht verstanden. Weder als Christen, Juden und Moslems, Kinder und Alte, Biertrinker und Weinkenner, Sozialdemokraten und Homosexuelle, Jogger und Porschefahrer.

Spiegelt Ihr die gesamte gesellschaftliche Vielfalt der Stadt Augsburg wider?

Denk an mich, wenn Du in die Kantine gehst.

04.11.2003

Die E-Heldin! Bringt mir mit ihrem Weltfrauentag-Posting die unwillkommensten Erinnerungen an die GRAUHAARIGE Kunstlehrerin zurück! Drei Jahre lang jeweils 90 Minuten die Woche lehrte sie, mit einem tauben- oder mausgrauen oder Sack bekleidet, die dicken, gut schulterlangen Haare mit einem Lederbändel zu einem Pferdeschwanz gebunden, dick silbernen Lidschatten aufgetragen, uns bunte, flippige Teenagermädels die Theorie der Farben, Formen und Männer. Nicht nur, daß sie uns in unsere Bilder, Collagen oder Photographien geredet hat, auch was unsere Frisuren, unsere Klamotten und vor allem die Männerwelt anging, hatte sie einiges an Ratschlägen parat. Und die sausten aber auch mit einer Wucht runter, wenn sie kamen, daß uns garantiert noch drei Tage danach die Ohren sausten!

Schweine, fragten wir uns regelmäßig, Dreckschweine und Säue. Die Frau Kunstlehrerin schien einen besonderen Männergeschmack gehabt zu haben. Ließ keine Gelegenheit ungenutzt, uns davon zu überzeugen, daß Männer Schweine seien. Schweine, Dreckschweine und Säue. Was hat sie sich dabei nur gedacht, ihre Schimpftiraden vor einer Gruppe pubertierender Teenager auszutragen? Die Frau glich einem chinesischen Neujahrsfeuerwerk, wenn sie damit anfing! Einzig: uns Mädels interessierte es nicht.

Im nachhinein betrachtet war das wohl das Schlimmste für die Frau Kunstlehrerin, daß sich nämlich keiner drum scherte, was sie zu sagen hatte. Ging’s um Männer, kam sie einer glühenden Haßkeule gleich, die pausenlos Gift spritzend auf unsere Hirne einschlug (in denen wir alle die süßen Jungs aus dem Tanzkurs hatten, die unsere Zuneigung je nach Typ durch den Kauf einer großen Cola in der Tanzkurspause oder durch das lässige Zuschieben zweier Kinokarten am Schultor zur Mittagszeit gewonnen hatten). Peinlich! Das war so peinlich!

Und wir haben uns so geschämt! So geschämt, wenn sie am Weltfrauentag die Aula unserer Schule in eine riesige Wäscheleinenarena verwandelte, die dann von eifrigen Lokalreportern photographiert wurde. Nicht, daß das genug gewesen wäre - das Photographieren dieser “Installation”. Nein, die Reporter mußten auch noch uns befragen, was wir denn davon hielten. Von den Leinen, an denen dutzende Papierklamotten hingen. Papierklamotten, die mit männerfeindlichen Sprüchen beschrieben waren.

Nun ja. Jetzt stellt sich mir also die Frage, ob die E-Heldin eigentlich genauso wie ich den Predigten der Dame niemals was abgewinnen konnte. Und ob sie, was in den Augen der Frau Kunstlehrerin sicherlich noch viel schlimmer wäre, das hier genau so gut findet wie ich. Aufgrund ihrer Haßtiraden.

Werte Leserschaft! Anläßlich des Weltfrauentages darf ich Euch mitteilen: Es sind nur noch sechs Tage bis zum Steak & BJ Day!!

A while ago, I was honored by a question of the famous mullet man (Sorry, ladies, his telephone number is my secret!) who asked me what the name of the whiskey beer stuff was, Rube and I brought to Jeckyll last year. The what? I thought by myself. Can’t remember a damn thing… beer whiskey? What the heck is he talking about?

But today is a good day as the streak of good fortune continues not only for the mullet man. His idea of good fortune is different from mine wherefore I’m happy to present him my idea of it: I just remembered the name of the beer whiskey! AND EVEN FOUND AN ONLINE-SHOP!!

Let me introduce you to the famous Altbayerischer Bier-Likör!


Altbayerischer Bierlikör 0,5l - 25% vol

Beschreibung:
Uriger Likör auf Bockbier-Basis in der Bügelverschluss-Flasche.

For those who understand German a little bit, this review of the Bier-Likör might be interesting.

Sorry for the delay, Zonkman! :-D And have a great day!

Ich bin jeden Tag so viele Stunden unterwegs. Den ganzen Tag über lege ich hunderte von Kilometern zurück und die Dienstkleidung ist dabei so unbequem. Gerade wenn wir unfreundliche „Kunden“ haben, fällt es mir schwer immer nett zu sein. Dabei betreue ich ja schon die erste Klasse im neuesten ICE. Das ist in meiner Position als Zugbegleiterin der höchste Job, den ich bekommen kann. Mein Freund ist Zugführer. Er ist ein lieber Kerl, aber manchmal frage ich mich, ob ich nicht etwas Besseres verdient hätte. Wir sehen uns nur an unserem gemeinsamen freien Tag in der Woche. Ansonsten habe ich kein ausgefülltes Freizeitleben. Nach so vielen Stunden auf den Beinen freut man sich auf die Couch. (Die Wahrheit: Nach meinem Schulabschluss bewarb ich mich bei der Deutschen Bahn. Ich wurde nicht genommen. Begründung: Schwerhörigkeit.)

Ich habe den gestrigen Abend wieder mit dem neuen jungen Tänzer im Ensemble verbracht. Er ist wunderbar witzig, charmant und hat eine tolle Ausstrahlung. Ganz nebenbei finde ich seinen Körper natürlich unheimlich sexy. Wir waren in einem der kleinen Restaurants in Manhattan essen. Kerzenschein, leise Musik und ein fantastischer Salat. Dazu gab es einen leckeren Weißwein und einen verführerischen Abschiedskuss vor meinem Hotelzimmer. Morgen geht es weiter Richtung Washington, wo wir natürlich hinfliegen werden. Die USA-Tour mit dem Ballett-Ensemble ist der reinste Traum. Mal sehen, wie es mit meiner neuen Eroberung noch weiter geht. (Die Wahrheit: Nach der zweiten oder dritten Ballettstunde habe ich im Kindesalter meine Tänzerinnenkarriere hingeworfen. Die Brücke mit dem Hohlkreuz habe ich nie hinbekommen.)

Meine Mutter war heute wieder zu Besuch. Sie kommt jeden Tag, weil sie mir nicht zutraut, mein Leben selbstständig zu führen. Gut, ich habe keinen Job. Das liegt aber doch daran, dass ich meine Ausbildung wegen der Schwangerschaft abbrechen musste. Und alle lieben die Kleine. Vor allem ich. Sie ist jetzt schon 2,5 Jahre alt und hat hübsche dunkle Augen und blondes Haar. Clever ist sie und plappert ja so viel vor sich hin. Wenn sie auf dem Spielplatz mit den anderen Kindern spielt oder nachts schläft, erst dann habe ich Zeit auch mal über mich nachzudenken und vor allem über meine Zukunft. Eigentlich wollte ich alles anders machen. Ich wollte Karriere, weg von Bayern und die große weite Welt entdecken. Aber das ist jetzt vorbei. Ich hab die Kleine und ich liebe sie. (Die Wahrheit: Mein erster Schwangerschaftstest war negativ.)

gestern nachmittag war ich in münchen und habe meinen großvater besucht. eine stunde lang bin ich im schnee herum geirrt, bis ich seine grabstelle am waldfriedhof gefunden hatte.

vor einem jahr war er mit 91 jahren gestorben und hat eine riesengroße familie hinterlassen, die sogar noch zu seiner testamentsverlesung um das wissen über ein uneheliches kind bereichert wurde. da stand ich an seinem verschneiten grab, das eine heilige maria aus marmor bewacht, und musste plötzlich weinen. hatte mich mein opa während meiner pubertät doch so wenig interessiert und auch später immer die zeit gefehlt, ihn einmal besuchen zu fahren. und jetzt, wo er nur noch in unseren herzen lebt, bringe ich ihm einen weihnachtskranz, erzähle ihm, was in meinem leben passiert und werfe ihm beim gehen noch ein küsschen zu.

« Previous Page

eXTReMe Tracker