Ja, ich weiß, gerade bei Blind Dates kommt es auf die absolute Erwartungslosigkeit vor einem Treffen an. Doch die hat man nach zwei, drei netten Emails zur ersten Tuchfühlung zumindest ansatzweise über Bord geworfen und spätestens wenn der Wunsch nach einem Treffen geäußert wird, hofft man auf eine großartige Überraschung in Form des Traumtyps.

Gestern traf ich Olaf. In seiner Kontaktanzeige schrieb Olaf:

(…) Klar spielt die optische Erscheinung eine Rolle, genauso wichtig sind mir jedoch Witz, Charme, Selbstbewusstsein, Intellekt und Gefühl (…)

Das nebenstehende Foto zeigte ihn auf einer Bank sitzend im Grünen und man konnte sein Lächeln im sonst ziemlich unscharfen Gesicht erahnen.

Klingt soweit alles ganz gut, die ersten Emails sind auch nicht abschreckend und somit auf zum ersten Date!

Dass Olaf mit seinen 1,89m ziemlich übertrieben hat, wird mir schnell klar. Auch wenn ich mir vorstelle, er würde kerzengerade stehen oder wenigstens nicht so buckelig sitzen - auf diese stolze Größe kommt er niemals! Ich frage mich, ob ich ihn nervös mache, weil er so unheimlich schnell spricht und seine Worte eher in den 3-Tage-Bart nuschelt, als sie mit meinen Ohren zu teilen. Dabei zippelt er nervös mit seinen dünnen Fingerchen an der Serviette herum und kippt dabei fast seine Apfelschorle über die Bierbank.

Nach zwei Stunden ist mir klar, dass Olaf prinzipiell eher ein hibbeliger Geselle ist und obwohl wir hier und da gemeinsam über Geschichten lachen, fällt mir auf, dass ich mich niemals über geschlossene Bahnschranken auf einem 10minütigen Arbeitsweg zu seinem auf Lebenszeit verbeamteten Arbeitsplatz in ähnlichem Maß aufregen könnte wie er. Abgeschlossen mit der Vorstellung, in ihm einen potentiellen Prinzen zu finden, habe ich spätestens, als er mich zum Abschied umständlich umarmt, meine Nase einen gewaltigen Stoß billiges Aftershave abbekommt und er keine vollständige Verabschiedung mehr formulieren kann.

Heute rief Olaf an und bedankte sich für den netten Abend. Er hätte heute einen großartigen Tag gehabt. Auf dem Hin- und Rückweg zur Arbeit hatte er bahnschrankentechnisch freie Fahrt. Glückwunsch, Olaf!