Als Nachtrag zu dem Artikel “Gerade habe ich ein Mädchen gesehen” (und weil die Originalheldinnen gerade sowieso nichts schreiben), eine Frage an die Leser:

Ist euch das schon mal passiert, dass euch ein Mensch spontan fasziniert hat? Irgendjemand, der eigentlich mit euch und eurem Leben gar nichts zu tun hat? So eine besondere Verbindung, die sich auf Minuten oder manchmal nur Sekunden beschränkt hat?

Mir passiert so etwas öfter, mit Menschen aus allen Altersstufen und Geschlechtern. Ich saß zum Beispiel mal in einem Wartesaal am Bahnhof, und dann setzte sich eine ältere Frau neben mich. Ich merkte, dass sie gerne mit jemandem reden würde, also legte ich meine Zeitung zur Seite, und wir erzählten. Sie sprach von ihrer Familie, von ihrem Sohn, der Marathons läuft und von der Bandscheibenoperation ihrer Tochter, die sie gerade besuchen fährt. Ich erzählte von meinem Studium und von meiner eigenen Großmutter. In den fünfzehn Minuten, die wir redeten, war eine Sympathie spürbar, die sonst sehr selten ist. Dann kam ihr Zug, und wir sahen uns nie wieder.



Ein anderes Mal ging ich die Straße entlang, und mir kam ein Mädchen entgegen, das aus vollem Hals am Weinen war. Vielleicht 18 Jahre alt, und sie schluchzte und heulte und trottete immer weiter den Gehweg entlang. Ich fragte sie nur kurz, ob bei ihr alles okay ist, ob sie Hilfe braucht - sie sagte nein. Und dann: Dankeschön. Und lächelte mich an. Es war offensichtlich, dass sie sich wirklich gefreut hatte, dass jemand sich die Zeit nimmt und um sie kümmert. Dass das schon die Hälfte der Verzweiflung aufgelöst hatte.
Ich bin damals weitergegangen, weil ich zum Bus musste. Im Nachhinein denke ich, dass ich auch hätte stehen bleiben können, sie nicht einfach so hängen lassen. Ihr eine heiße Schokolade bezahlen und mir die Geschichte anhören, die sie offensichtlich gerne erzählt hätte. Sie ein wenig aufmuntern.

Noch ein anderes Mal bin ich Richard begegnet, in einem Hostel in Schottland. Er war in diesem Moment sehr verletzlich, und er war alleine, das fiel mir auf. Ich war in diesem Fall nicht so zurückhaltend, sprach ihn an, wir spielten ein paar Partien Billard, tranken ein paar Bier, und dann erzählte er mir seine Geschichte. Richards Geschichte ist atemberaubend, und genauso auch er selbst. Ich habe sie aufgeschrieben, vielleicht veröffentliche ich sie mal an dieser Stelle.
Wir blieben beste Freunde, so lange wir gemeinsam in dem Hostel wohnten, dann trennten sich unsere Wege wieder. Wie das mit Backpackern so geht, verloren wir uns direkt aus den Augen. Später traf ich, zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort, eine Reisende, die mir erzählte, dass er es geschafft hat. Er hat die Nackenschläge, die das Schicksal ihm verpasst hatte, erduldet, abschüttelt und neu angefangen.

Ich bin aber auch mal einer jungen Frau begegnet, und sie lächelte mich an, während wir aneinander vorbeigingen, auf eine sehr offene Art und Weise. In diesem Moment wurde eine Verbindung spürbar. Wir sprachen trotzdem kein Wort miteinander.

Zwei Wochen später habe ich sie dann doch angesprochen. Heute ist sie meine Freundin.