Einer meiner Träume ist es, irgendwann mal ein Café zu besitzen.

Kein spezielles, sondern ein völlig normales. Eins von diesen Cafés, die es in jeder größeren Stadt gibt, besonders viele davon in Berlin. Eins von denen, die ein bisschen alt wirken, aber trotzdem nicht schäbig sind, und in denen die Kellner die Gäste beim Namen kennen. Wir würden guten Rotwein verkaufen und vegetarische Snacks anbieten, sonst kein Essen, und die Leute würden zu uns kommen, weil man sich da gut unterhalten kann und es irgendwie Stil hat. Kein Stil, der sich aufdrängt. Gepflegtes Understatement.

Ich würde auf jeden Fall Sofas in mein Café stellen. Wahrscheinlich graue, unglaublich bequeme, aber ein wenig hässliche Ledersessel, in die man sich setzen kann und die Zeitungen und Bücher lesen, die ich daneben gelegt habe. Dann sollte mein Café natürlich noch eine lange Bar haben, an der man sitzen und mit dem Barkeeper reden kann. Keine Spirituosen hinter der Bar, das wäre zu übertrieben, mein Café sollte ein entspanntes Café sein, keine Bar, kein In-Treff. Der Barkeeper sollte keinen stressigen Job haben. Er muss ein relaxter Typ sein, der nicht viel redet, aber gerne zuhört, und der erkennen muss, wann ein Gast einen starken Schnaps nötig hat - und wann nicht mehr.

Ich würde Kellner einstellen, die ihren Job verstehen. Echte Profi-Kellner, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Nicht solche hübschen, aber technisch schlechten Studenten, sondern Leute, die ihren Job verstehen. Ich würde meine Kellner gut bezahlen und sie nicht zu viele Überstunden machen lassen, weil ich will, dass sie von ihrem Job leben können. Ich würde alle meine Angestellten ihre Lieblings-CDs mit zur Arbeit bringen lassen, und deswegen würden wir die ganze Zeit irgendwelche abgefahren Musik laufen haben, Edith Piaf oder Magnetic Fields oder irgendwelchen Ambient-Elektro. Ich würde wollen, dass ab und zu Menschen an die Bar kommen und fragen, hey, was ist denn das, und dann würde ich sagen, na klar, das ist BeigeGT, soll ich dir das mal ausleihen.

Ich würde kleine, seltsame Bands in meinem Café spielen lassen. Gute Bands natürlich, aber keine von den bekannten Gruppen. Dann würden 15 Leute auf ihren Stühlen sitzen und zuhören, zur Musik mit dem Kopf nicken und Spaß haben. Nachher würden wir uns alle mit der Band betrinken und die Soundanlage erst am nächsten Morgen abbauen.

Ich würde gar nicht selbst arbeiten wollen in meinem Café. Ich würde woanders mein Geld verdienen, nur abends vorbeikommen, meine Arbeitskleidung über den Garderobenständer hängen und mit den Stammgästen reden. Das Tagesgeschäft würde ich einem Freund von mir überlassen, der auch von den Einnahmen des Cafés leben kann, ich selbst würde nichts wollen von dem Geld, würde mich auch nicht zu sehr nach dem Publikumsgeschmack richten wollen, die Preise nicht zu sehr nach oben treiben. Ich hätte dieses Café gerne nur als so eine Art erweitertes Wohnzimmer, mit Menschen darin, die sich wohl fühlen, mit denen ich Schach spielen kann und Schwarz-Weiß-Filmsessions abhalten, wo Mini-Poetry-Slams stattfinden und sich Pärchen zum dritten Date verabreden.

Warscheinlich würde ich das Café „The Owl“ nennen, nach dem Café, das in Robert Chalmers´ „Who is Who in Hell“ vorkommt.


Diesen Text ist vor fast einem Jahr schon einmal in meinem alten Blog erschienen. Weil ich dieses Blog allerdings in der Zwischenzeit gelöscht habe, weil das einer meiner Lieblingstexte war, und weil ich denke, dass auch die Leser von Sistaweb ihn mögen werden, veröffentliche ich ihn hier noch mal.