Tue 6 Jun 2006
… habe ich mir vorhin gedacht, als ich in meinem alten Stadtviertel “meinen” ehemaligen Straßenkehrer traf.
Der fliegt bald für vier Wochen in die Türkei, 1500 Euro kostet der Flug für ihn, seine Frau und seinen Sohn. Da dorten werden sie 4000 Euro ausgeben, denn seine Schwägerin feiert Hochzeit. Dabei sei es üblich, daß die Verwandten der Braut jeweils einen Armreif schenken. Für 350 Euro hätte er einen gesehen, im Schmuckladen am Dom, und das sei bei Gott nicht wenig.
Normalerweise würde er nicht so viel Geld ausgeben, obwohl er als Verwandtschaft aus Deutschland schon einen Haufen Geschenk-Verpflichtungen habe. Deshalb sei er letztes Jahr nicht nach Hause zur Familie geflogen. Weil er sich zwar Flug und Unterkunft hätte leisten können, jedoch die Geschenke nicht.
Ansonsten hätte der Sohnemann einen Ausbildungsplatz als Dreher in Königsbrunn bekommen. Juchee! Somit werden das die letzten vier Wochen, die sie als Familie gemeinsam in Urlaub fahren werden. Ab dem nächsten Jahr sei der Sohn dann für sich alleine verantwortlich, finanziell.
Und dann war da noch der Chefredakteur des Magazins, für das ich nebenbei schreibe. Alles haben die studiert, sagte er vorhin über seine Kollegen, Theaterwissenschaft, Romanistik und was weiß ich noch alles. Aber schau sie an: was bringt es ihnen jetzt? Nichts, überhaupt nichts. Jetzt sitzen sie hier und machen denselben Job wie ich, der ich Verlagskaufmann gelernt habe.
Yep yep, habe ich mir schließlich gedacht, aber dafür schreibt keiner so leidenschaftlich wie Du über den jüngsten Aufstieg des lokalen Fußballvereins in die zweite Bundesliga. Und zu ihm gesagt: Studieren? Das würd’ ich auch nicht mehr so schnell. Zumindest nicht so unvorbereitet, so wenig beraten, so einfach reingeschmissen.
Sowohl der Fußballredakteur als auch der Straßenkehrer haben mir einiges voraus. Relaxt sein, seine Leidenschaft 100%ig in nur einen Job reinstecken und auch ohne Studium genügend Geld haben für Urlaub oder Fußballtickets.
(Jammerei, die erste)
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